WURZELZIEHEN

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Die Mittagssonne schimmert durch die Spitzengardinen des Lissabonner Altbaus, als Soraya Lutangu alias Bonaventure zum SPEX-Interview grüßt. Sie hat es sich auf einem alten Perserteppich bequem gemacht. Um sie herum, fünf bis sechs ausgefranste Umzugskartons. “Entschuldige bitte die Unordnung,” lächelt sie, “meine Frau und ich sind erst vor wenigen Tagen eingezogen”. Ihr orangefarbener Bodysuit, die blau getuschten Wimpern und blond gebleichten Augenbrauen stehen im krassen Kontrast zur pittoresken Szenerie. Doch Soraya hat ein Faible für Gegensätze.

Binnen anderthalb Jahren hat die ausgebildete Grafikdesignerin in der Musik eine neue Heimat gefunden. Von regelmäßigen Beiträgen für BCR Radio, über internationalen DJ Gigs bis hin zur jüngsten Performance im New Yorker MoMA PS1 (gemeinsam mit Künstlerin Hannah Black) – Bonaventure entpuppt sich als regelrechte Grenzgängerin zwischen Club- und Kunstszene und ist obendrein auch Teil des Musikkollektivs Non Worldwide. Unter dem Label PTP erschien nun ihre Debüt-EP “Free Lutangu”, auf der postindustrielle sound clashes auf Rhythmen der Diaspora prallen.

 Als Tochter einer Schweizerin und eines Kongolesen versteht Soraya nur zu gut wie es um widerstreitende Identitäten bestellt ist: “Da ist diese ständige Polarität”. Ein Dualismus, der sich auf der EP, vor allem im Einsatz von Samples widerspiegelt: Ginuwine trifft auf industrielles Knarzen, jaulende Sirenen verhallen neben Werbe-Jingles und auf Dizzy Rascal folgt rauschhafter Muezzingesang. “Mir geht es nicht zwingend darum neues zu erschaffen, ich bin mehr daran interessiert Bedeutungen zu recyceln und in einen neuen Kontext zu rücken”. Und das in Ton und Wort, denn Titel wie “Supremacy”, “Synchronicity”, “Diaspora”, sind konnotativ zu lesen. Dabei steht ein Teil für das Ganze; das Persönliche für das Politische und umgekehrt. Für Soraya ist Bonaventure immer wieder ein “Ausdruck von Trauma” und damit irgendwie therapeutisch – “klingt corny, ist aber so” lacht sie.

Bonaventure mag es radikal und geht dabei buchstäblich an die Wurzel: Jeder der sechs Tracks auf der EP ist einem ihrer sechs Geschwister gewidmet. Kein Wunder also, dass “Free Lutangu” vielstimmig auftritt: mal verspielt mit Ambient Reminiszenzen, doch umso öfter melancholisch-düster und martialisch bebend – Kugelhagel und fallende Patronenhülsen inklusive. Für Soraya hat das weniger mit Gewalt zu tun als mit Dringlichkeit und stellt fest: “Die Radikalität ist das einzige an mir das nicht halb ist”.

 

 

HANNE LIPPARD

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Als Klaus Biesenbach vor 25 Jahren das KW Institute for Contemporary Art  in der Berliner Auguststraße ins Leben rief, herrschte ein Klima des politischen Umbruchs und der Ungewissheit – zwei Jahre zuvor war die Berliner Mauer gefallen, mit dem die Ära des wiedervereinigten Deutschlands begann. Und wie so oft in der sich scheinbar wiederholenden Geschichte befand sich der jüngst ernannte Direktor und Chefkurator der KW, Krist Gruijthuijsen, in einer ähnlichen Situation, als er im Frühjahr 2016 (inmitten eines ebenfalls äußerst ereignisreichen Politjahres) den Posten übernahm. Und auch wenn das KW Institute for Contemporary Art bereits vor der Jahrtausendwende eine feste Größe im Berliner Kunstbetrieb darstellten, konnte eine klare Ausrichtung und eine Abgrenzung von der Berlin Biennale nicht schaden.

Nach einer mehrmonatigen Pause samt aufwendiger Sanierungsarbeiten feierte das KW (mit einer ausladenden Agenda im Schlepptau) die Wiedereröffnung. Am 19. Januar wurden Presse und Öffentlichkeit zur Vorstellung des neuen Programms geladen. Die Früchte der Renovierungsarbeiten des Architekturbüros Kuehn Malvezzi können sich sehen lassen: Der Haupteingang wurde an den Seitenflügel verlegt, der Eingangsbereich wurde um eine neue Rezeption erweitert, nun gibt es eine Sitzecke, einen kuratierten Buchstand sowie die lang ersehnten Schließfächer. Im Ausstellungsbereich wichen nicht nur Wände, auch die Ziegelsteine an der Decke der ehemaligen Margarinefabrik wurden freigelegt. Dafür versprechen die lichtdurchfluteten Räumlichkeiten nun eine ganz neue Ausstellungs-Choreographie in industriellem Flair.

Den Hauptbezugspunkt der neuen Ausstellung bildet der südafrikanische Konzeptkünstler Ian Wilson, dessen Wirken bis weit in die 1960er zurückreicht, während sein Werk sich am besten über das beschreiben lässt, was nicht da ist; zum Beispiel in Arbeiten wie Circle on the floor (1968) oder der Serie The Discussions. Mit den Mitteln von Reduktion und Weglassen und mit Hilfe seines Lieblingssymbols, des Kreises, untersucht Wilson in seinem Œuvre das zwiespältige Verhältnis von Kunst und Sprache. Im Verlauf der nächsten vier Monate wird Wilsons immaterielles und dennoch wesentliches Werk in den Einzelausstellungen von Hanne Lippard, Paul Elliman und Adam Pendleton reflektiert.

Den Anfang macht dabei die norwegische Künstlerin Hanne Lippard, deren Arbeiten sich von Soundinstallationen bis hin zu Lesungen und Performances um experimentelle Formen von Sprache drehen. Als künstlerisches Medium dient ihre eigene Stimme, sie kehrt dabei die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt hervor. Geboren ist Lippard im britischen Milton Keynes, aufgewachsen ist sie bilingual in Norwegen. Damit sieht sie sich zwischen zwei Welten platziert – vielleicht einer der Gründe, warum das gesprochene Wort in ihrem Schaffen eine Kernrolle einnimmt. Ihre Arbeit im KW trägt den Titel Flesh und nimmt die gesamte Halle des Erdgeschosses ein. Inmitten des Raumes prangt die Wendeltreppe, die aus 29 Stufen an einer einzigen lasttragenden Mittelsäule montiert sind. Das beigefarben lackierte Metallgeländer führt den Betrachter, oder vielmehr den Teilnehmer, in eine andere Dimension.

Der Oberraum, ein lichtdurchfluteter Kubus mit Blick auf die Gartenterrasse und die umliegenden Dachgipfel, misst kaum anderthalb Meter an Höhe. Der Teppichboden darin ist mit in einem bräunlichen Pinkton gehalten, die Farbe “einer offenen Wunde”, wie Lippard selbst es beschreibt. Dort oben gibt es nichts außer Lippards Stimme, die aus den Lautsprechern schallt. Ihre Sprache ist voll von stechenden Konsonanten und weichen Vokalen; ein Zusammenspiel aus Rhythmus und Melodie. “Mir scheint der Titel beinahe lautmalerisch. Wenn man das Wort ‘flesh’ ausspricht, dann spürt man es förmlich”, so Lippard. In ihrem künstlerischen Schaffen erkennt sie sowohl persönliche Züge als auch Momente einer öffentlichen Persona: “Ich denke, man kann kaum als Künstler arbeiten, ohne in irgendeiner Weise politisch zu sein. Insbesondere wenn man Sprache, und vor allem die weibliche Stimme, als Mittel nutzt.”

Angesichts des Booms sozialer Medien scheint Kommunikation gegenwärtiger zu sein als je zuvor. Darum “kann Sprache ein gefährliches, wenn gleich auch notwendiges Werkzeug sein”, gibt Lippard zu bedenken. Reaktionäre Politik, wachsendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und die ungehemmte Verzerrung von Tatsachen (wie erst kürzlich in den Vereinigten Staaten erlebt, als Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway Falschmeldungen als ‘alternative Fakten’ schönredete) stehen an der Tagesordnung. Lebten wir wirklich in einem ‘post-faktischen’ Zeitalter, dann wäre Kommunikation wohl eine bloße Einbahnstraße. Doch wissen wir es nicht besser?

Tatsächlich ist es jetzt an der Zeit, um gut zuzuhören; einen ausgiebigen Dialog brauchen wir nun mehr denn je zuvor. Die positive Seite dieses geopolitischen Durcheinanders ist die Wiedergeburt der Protestkultur – wie vor einigen Tagen der Women’s March on Washington und die weltweiten Solidaritätsdemonstrationen bewiesen haben. Es gibt Hoffnung, wenn man den Mut und die Stimme dazu findet.

Lippards Vorstellung von Sprache als Politikum korrespondiert bestens mit dem neuen Programm des KW. Sei es die Rückkehr der legendären Pogo Bar (jetzt: Bob’s Pogo Bar) oder die neu lancierte Veranstaltungsreihe The Weekends: Krist Gruijthuijsen versteht den Kunstraum als einen Gemeinschaftsort, der den gegenseitigen Austausch zwischen Künstler und Publikum ermöglicht. Kunstdiskurs als neue Form des politischen Dialogs? Im Jahr 2017 könnte das KW Institute for Contemporary Art der Ort für eine solche Debatte werden.

REZENSION: DIVA (1981)

Diva
1981
Réal. : Jean-Jacques Beineix 
Wilhelmenia Wiggins Fernandez


Collection Christophel

Eine Standbildabfolge, dann das Close-Up der mythischen “Spirit of Ectasy”. Doch was da vorfährt ist kein Rolls Royce, sondern der Postbote Jules auf seiner gelben Mobylette. Die Kühlerfigur zitiert die titelgebende Diva, deren Silhouette auf einem blauen Plakat am Eingang zu sehen ist. Cynthia Hawxkins tritt auf im Pariser Theatre des Bouffes du Nord: drinnen wartet das Publikum gebannt auf das große Spektakel. Ein langsamer Schwenk durch die kolossale Architektur des Saals und als die Hawkins ihr Terrain betritt, wird sie mit einer rauschenden Welle des Applaus willkommen geheißen, dann kurz Totenstille. Als ihr betörender Gesang einsetzt, beginnt die Kamerafahrt und Hawkins thront inmitten des Orchesters. Plötzlich ein Schnitt zum jungen Postillon. Eine Großaufnahme präsentiert uns die legendäre Nagra IV-S: Jules hat das Tonbandgerät zwischen Sack und Pack versteckt um eine heimliche Aufnahme des Konzert anzu-fertigen. Mit jeder Wiederholung der Arie, schwebt die Kamera erneut durch die erhabenen Hallen der Oper. Immer im Zentrum: die Diva im weißen Seidenkleid. Am Ende tosender Beifall und stehende Ovationen. Eine Liturgie, die Jules zu Tränen rührt.

Jean-Jacques Beineix’ Filmdebüt Diva genießt heute Kultstatus – 1981 schied er die Geister. Den Kritikern schien er zu aufgesetzt, zu stilisiert; das Komitee des César, dem französisischen Oscar-Verschnitt, dagegen war begeistert. Vier Auszeichnungen gab es für den Thriller, darunter die Beste Kamera. Das ist im Pariser Underground der angesetzt, samt einer Reihe  surrealer Charaktere. Anstelle klischheehaft verwegener Männerfiguren im Stil eines Delon oder Belmendo hat sich das Personal der nachfolgenden Genration säkularisiert und bekennt sich das Filmpersonal zu zwangloser, gar androgyner Coolness.
Der Protagonist Jules (Frédéric Andréi) ist ein begnadeter Verehrer der Operndiva Cynthia Hawkins (gespielt von der Sopranistin Wilhelminia Wiggins Fernandez), für deren Konzerte er auf seinem Moped bereits halb Europa bereiste. Beim Besuch der Oper schmuggelt er ein Tonbandgerät in die heiligen Hallen und fertigt eine Aufnahme des Konzerts an – jedoch keineswegs für ökonomische Zwecke, sondern weil er dem unschuldigen ‘Geist der Verzückung’ erliegt. Da es Hawkins Stimme nicht auf Platte zu hören gibt (die Sängerin bevorzugt die unvermittelte Live-Performance vor Publikum) ist das Band pures Gold wert. Somit wird Jules zum Gejagten in vielerlei Hinsicht. Zwei Taiwanesischen Gangster haben es auf die Aufnahme abgesehen um sie als Schwarzkopie auf dem internationalen Musikmarkt publik zu machen. Und in einer verschachtelten Nebenhandlung liegt ihm ein mörderisches Verbrecherduo auf den Fersen, da er unbekannterweise im Besitz einer mysteriöse Audiokassette ist, die eine Prostituierte kurz vor ihrem Tode in seiner Tasche versteckte. Es beginnt eine aufregende Verfolgung und zwischen bootleggers und Menschenhändlern wird der unbescholtene Jules zu Wildfang. Im Finale dann die waghalsige Hetzjagd im Pariser Untergrund. Als einer der frühen Wegbereiter des Cinéma du look, feiert Beineix stilisierte Kompositionen ohne ein ostentativ ideologisches Moment – so scheint es ganz als stelle er die Form vor den Inhalt. Doch Beineix rührt an zahlreiche Fragen des spätmodernen Pop-Diskurses und somit lässt sich Diva ebenso als Persiflage auf die moderne Kulturindustrie lesen.

Zunächst kommt das problematische Verhältnis von Original und Kopie in der fünfminütigen Eingangssequenz zum tragen. Als Walter Benjamin 1936 den Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verfasste, bezeichnete er als Hauptaugenmerk der alten Werke ihre Einmaligkeit und ihren Kultwert im Hier und Jetzt, die Aura. Dagegen brachte die Kopie Wiederholbarkeit mit sich und zeitigte damit einen Paradigmenwechsel in der Kunstrezeption. Das Auratische, hier verkörpert durch die Diva selbst, macht den Zauber der Performance aus – ist sie doch einmalig und unwiederholbar im Moment verankert. Existierte eine Kopie, so wäre die Magie dahin. In Anbetracht der aktuellen Allgegenwart von streaming-Plattformen stellt der Themenkomplex um Raubkopien und filesharing ein Relikt der Vergangenheit dar, während Musiktauschbörsen wie napster & Co. aus dem Popdiskurs der Nullerjahre kaum wegzudenken waren.

Auch die obsessive Fankultur wird durchleuchtet. Jules Fetischisierung der Diva ist augenscheinlich: er stiehlt ihr Kleid, nimmt es an sich wie einen Totem, streichelt und umarmt es als steckte Cynthia selbst darin. Wie einen Talisman trägt er es bei sich, nur um es ihr im Verlauf das Films persönlich zurückzubringen. Heute dagegen ereignet sich Starkult meist in entmaterialisierterer Form – in den virtuellen Räumen sozialer Netzwerke.

Im Weiteren werden Hochkultur und Popkultur anhand ihrer Repräsentanten Oper und Soundtrack verhandelt.  Hawkins trägt die Arie Ebben, n’andrò lontana aus der Oper La Wally von Alfredo Catalani vor, ein Klassiker der italienischen Spätomantik. Der Rest des Films hingegen ist mit minimalistischen Klavier-Kompositionen Vladimir Cosmas und einem zeitgemäßem Soundtrack unterlegt. Auch ein indirekter Klassenkonflikt zeichnet sich hier ab, denn dass ein jugendlicher Postbote eine Liaison mit einer Grande Dame der Opernwelt beginnt, erscheint aus realistischer Sichtweise eher unglaubwürdig.

Diva ist durchzogen von ästhetizistischen Elementen und bleibt trotzdem kein reiner Augenschmaus. Statt einer rigiden Gesinnungsethik, herrscht  eine betörende Ungerührtheit, die man als apolitische Haltung lesen kann, aber nicht muss: ist es doch die Aussagekraft der Bilder und ihr Kontext die Beineix in seinem nüchternen Lob der Künstlichkeit stark macht.

ESSAY: ÜBER DEN TASTSINN

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Vor einigen Monaten habe ich eine rosane Seidenbluse erstanden. Ein Secondhand-Fund, zwar voluminös, gar unförmig, jedoch umso angenehmer zu tragen. Meist ziehe ich sie zu Hause an, wo ich die Bluse gepaart mit Leggins als Schlafanzugersatz zweckentfremde. Der fein gewebte Stoff, hauchzart und anfällig, wurde bereits mit Fettverschmutzung malträtiert und auch durch meinen Sohn auf die Probe gestellt – Sabberflecken inklusive. Und doch verleiht mir die Bluse, in diesen einfachsten Momenten des Alltags ein Gefühl von urplötzlicher Eleganz. Wie eine Zigarette im Mundwinkel fügt sie dieses gewisse Etwas hinzu: ein Fünkchen Opulenz im Trivialen.

Heute jedoch, geht der Trend in Richtung des Praktikablen. Moderne Kleidung wird aus Polyamiden, Nylon, Microfaser und Polyester gefertigt und ist entweder spottbillig (in Preis und Qualität) oder zwanghaft pragmatisch. Feine Stoffe dagegen erfüllen keinen unmittelbaren Zweck. Denn echtes ästhetisches Vergnügen ist unbekümmert eigennützig. Materialien wie Seide, Kaschmir, Fell, Samt, Leinen & Co. sind zeitlose Stoffe die Qualität und Komfor bieten, völlig unbeeindruckt von aktuellen Lifestyle und Modetrends. Sie vermitteln uns die Freude am direkten Kontakt und übersteigen damit nüchterne Kategorisierungen wie Funktionalität und Effizient. Weshalb eine kratzige Windbreaker tragen während Omas weicher Fuchspelz im Kleiderschrank verstaubt?

Das Spiel von berühren und berührt werden kommt im Tastsinn zum Tragen, damit ist er bei weitem der erotischste unserer fünf Sinne. Stofflichkeit wird darum allzu oft zum Politikum. Oft fragt man sich wer oder was es ist, das durch Boykott und Verzicht behütet werden soll: die Tiere oder die ohnehin schon etablierte Kollektiv-Anästhesie?  Einen Stoff abzutasten, seiner Form und Kontur zu folgen, die Textur auf den Fingerspitzen zu fühlen, ist ein über alle Maßen sensueller und intimer Akt. Haptik schließt eine Form von Genuss ein, der dieser Tage mehr abzuschrecken scheint als zu verlocken.

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REZENSION: SWET SHOP BOYS “CASHMERE”

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Als New-York-London-Indo-Pak-Ding umschreiben Riz MC und Heems ihr gemeinsames Projekt. Das klingt nach Weltmusik, ist aber eigentlich nur die typische Geschichte von Musik im Internetzeitalter: Die Swet Shop Boys formten sich Ende 2014 als Spross einer interkontinentalen Freundschaft und stellten kurz darauf, wie man das heute eben so macht, vier Tracks auf Soundcloud.

Als vergangenen Sommer sämtliche geopolitischen Krisenherde quasi zeitgleich überkochten, beschloss das Duo kurzerhand, dass es nun an der Zeit wäre, ihr Erstlingswerk Cashmere aufzunehmen. Eine wichtige Rolle spielte dabei der britische Producer Redinho, der schon seit Jahren durch die UK-Elektro-Szene geistert und sich nun für den eklektischen Flickenteppich aus traditionellem Qawwali, fiedelndem Hindi-Pop und einschlägiger Dub- und Bassstruktur auf Cashmere verantwortlich zeigt.

DAS MODERNE SINNBILD DIESES KLIMAS DES SCHRECKES: DER FLUGHAFEN.

Auf elf Tracks verarbeiten Riz MC und Heems Erlebnisse, die gerade der zweiten Generation von Migranten vertraut vorkommen dürften: Erzählungen von Krieg und Flucht auf der einen, Erfahrungen mit Marginalisierung und Diskriminierung auf der anderen Seite. Immer im Nacken ein panoptischer Staatsapparat, der im Schulterschluss mit der besorgten Bürgerfront people of color unter Generalverdacht stellt.

Das moderne Sinnbild dieses Klimas des Schreckes: der Flughafen. Als solcher taucht er auch auf Cashmere auf. Der dortige Zwang zur Transparenz und die damit einhergehende Musterung wird auf den Songs »T5« und »No Fly List« ausgiebig thematisiert, denn meist braucht es am Terminal lediglich einen schwarzen Vollbart oder eine religiöse Kopfbedeckung, um als potenzielle Gefahr stigmatisiert zu werden. Ahmeds Rhetorik ist dabei an den rohen Grime seiner britischen Heimat angelehnt. Heems akustische Signatur dagegen erinnert an den tiefenentspannten College-Rap der Nullerjahre – allerdings mit weniger entspannten Inhalten.

Cashmere ist vieles: Einblick in die Punjabi-Diaspora, nostalgisches Sinnieren, postmodernes Potpourri, und scharfe Kritik an Politik und Popkultur und den dort präsentierten Götzen und Zerrbildern. Vor allem aber ein wirkmächtiges Stück Protestmusik.

REZENSION: TA NEHISI COATES “ZWISCHEN MIR UND DER WELT”

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Als der Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates im Juni 2014 den kontroversen Essay The Case for Reperations verfasste, war er beileibe kein Unbekannter, dennoch schied der Text die Geister. Die Forderung: Reperationszahlungen an die schwarze Bevölkerung als Wiedergutmachung für zweihundertfünfzig Jahre Sklaverei, neunzig Jahre Jim Crow Ära, sechzig Jahre der vermeintlichen Gleichheit und über dreißig Jahre diskriminierende Wohnpolitik, die bis in die Gegenwart reicht. Ein Affront gegen die amerikanische Öffentlichkeit; wähnte man sich doch im Glauben, dass mit Obamas Wahl und spätestens nach sieben Jahren black presidency ein postrassitisches Zeitalter angebrochen war.

Eine trügerische Illusion. Der fanatische, wie fatalistische Glaube an den Amerikanischen Traum spaltet das Land bis heute. 2014 war das Jahr von Michael Brown, Eric Garner und Tamir Rice – drei von über hundert unbewaffneten Schwarzen, Männern wie Frauen, Erwachsenen wie Kindern, die im vorangegangen Jahr durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Drei tiefe Wunden im ohnehin gezeichneten Kollektivgedächtnis der Afroamerikaner.
Between the World and Me nimmt Bezug auf genau jenen Zeitgeist: die Frustration und Wut, die Hilflosigkeit der Menschen. Es ist eine autobiographischen Erzählung, die der schwärmerischen Welt der Idealisten den Spiegel vorhält. Coates verfasste sie in Form eines Briefes an seinen 15-jährigen Sohn, um den Heranwachsenden über die Gefahren aufzuklären, die das Leben eines schwarzen Mannes auf amerikanischen Boden birgt. Er verhandelt darin die Geschichte der USA neu und macht deutlich: den American Dream gibt es nicht ohne afroamerikanischen Inkubus, denn der Reichtum der Vereinigten Staaten wurde auf dem Rücken schwarzer Sklaven errichtet. Doch um white privilege, dreht es sich hier nur indirekt. Statt in identitätspolitische Konstrukte zu verfallen, analysiert Coates die materielle Wirklichkeit: es geht um schwarze Körper und das blanke Überleben. “Our world is physical” schreibt er und visualisiert den sinnlich greifbaren Impetus anhand einiger persönlicher Fotos die inmitten der 152 Seiten verstreut sind. Coates positioniert sich gegen die abstrakte Ideenwelt, gut gemeinter Intentionen und wirklichkeitsfremder Utopien – nicht aus kühlem Rationalismus, sondern um der Selbsttäuschung ein Ende zu bereiten. Der Traum ist ausgeträumt, nun ist es Zeit aufzuwachen.