REZENSION: SWET SHOP BOYS “CASHMERE”

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Als New-York-London-Indo-Pak-Ding umschreiben Riz MC und Heems ihr gemeinsames Projekt. Das klingt nach Weltmusik, ist aber eigentlich nur die typische Geschichte von Musik im Internetzeitalter: Die Swet Shop Boys formten sich Ende 2014 als Spross einer interkontinentalen Freundschaft und stellten kurz darauf, wie man das heute eben so macht, vier Tracks auf Soundcloud.

Als vergangenen Sommer sämtliche geopolitischen Krisenherde quasi zeitgleich überkochten, beschloss das Duo kurzerhand, dass es nun an der Zeit wäre, ihr Erstlingswerk Cashmere aufzunehmen. Eine wichtige Rolle spielte dabei der britische Producer Redinho, der schon seit Jahren durch die UK-Elektro-Szene geistert und sich nun für den eklektischen Flickenteppich aus traditionellem Qawwali, fiedelndem Hindi-Pop und einschlägiger Dub- und Bassstruktur auf Cashmere verantwortlich zeigt.

DAS MODERNE SINNBILD DIESES KLIMAS DES SCHRECKES: DER FLUGHAFEN.

Auf elf Tracks verarbeiten Riz MC und Heems Erlebnisse, die gerade der zweiten Generation von Migranten vertraut vorkommen dürften: Erzählungen von Krieg und Flucht auf der einen, Erfahrungen mit Marginalisierung und Diskriminierung auf der anderen Seite. Immer im Nacken ein panoptischer Staatsapparat, der im Schulterschluss mit der besorgten Bürgerfront people of color unter Generalverdacht stellt.

Das moderne Sinnbild dieses Klimas des Schreckes: der Flughafen. Als solcher taucht er auch auf Cashmere auf. Der dortige Zwang zur Transparenz und die damit einhergehende Musterung wird auf den Songs »T5« und »No Fly List« ausgiebig thematisiert, denn meist braucht es am Terminal lediglich einen schwarzen Vollbart oder eine religiöse Kopfbedeckung, um als potenzielle Gefahr stigmatisiert zu werden. Ahmeds Rhetorik ist dabei an den rohen Grime seiner britischen Heimat angelehnt. Heems akustische Signatur dagegen erinnert an den tiefenentspannten College-Rap der Nullerjahre – allerdings mit weniger entspannten Inhalten.

Cashmere ist vieles: Einblick in die Punjabi-Diaspora, nostalgisches Sinnieren, postmodernes Potpourri, und scharfe Kritik an Politik und Popkultur und den dort präsentierten Götzen und Zerrbildern. Vor allem aber ein wirkmächtiges Stück Protestmusik.