REZENSION: DIVA (1981)

Diva
1981
Réal. : Jean-Jacques Beineix 
Wilhelmenia Wiggins Fernandez


Collection Christophel

Eine Standbildabfolge, dann das Close-Up der mythischen “Spirit of Ectasy”. Doch was da vorfährt ist kein Rolls Royce, sondern der Postbote Jules auf seiner gelben Mobylette. Die Kühlerfigur zitiert die titelgebende Diva, deren Silhouette auf einem blauen Plakat am Eingang zu sehen ist. Cynthia Hawxkins tritt auf im Pariser Theatre des Bouffes du Nord: drinnen wartet das Publikum gebannt auf das große Spektakel. Ein langsamer Schwenk durch die kolossale Architektur des Saals und als die Hawkins ihr Terrain betritt, wird sie mit einer rauschenden Welle des Applaus willkommen geheißen, dann kurz Totenstille. Als ihr betörender Gesang einsetzt, beginnt die Kamerafahrt und Hawkins thront inmitten des Orchesters. Plötzlich ein Schnitt zum jungen Postillon. Eine Großaufnahme präsentiert uns die legendäre Nagra IV-S: Jules hat das Tonbandgerät zwischen Sack und Pack versteckt um eine heimliche Aufnahme des Konzert anzu-fertigen. Mit jeder Wiederholung der Arie, schwebt die Kamera erneut durch die erhabenen Hallen der Oper. Immer im Zentrum: die Diva im weißen Seidenkleid. Am Ende tosender Beifall und stehende Ovationen. Eine Liturgie, die Jules zu Tränen rührt.

Jean-Jacques Beineix’ Filmdebüt Diva genießt heute Kultstatus – 1981 schied er die Geister. Den Kritikern schien er zu aufgesetzt, zu stilisiert; das Komitee des César, dem französisischen Oscar-Verschnitt, dagegen war begeistert. Vier Auszeichnungen gab es für den Thriller, darunter die Beste Kamera. Das ist im Pariser Underground der angesetzt, samt einer Reihe  surrealer Charaktere. Anstelle klischheehaft verwegener Männerfiguren im Stil eines Delon oder Belmendo hat sich das Personal der nachfolgenden Genration säkularisiert und bekennt sich das Filmpersonal zu zwangloser, gar androgyner Coolness.
Der Protagonist Jules (Frédéric Andréi) ist ein begnadeter Verehrer der Operndiva Cynthia Hawkins (gespielt von der Sopranistin Wilhelminia Wiggins Fernandez), für deren Konzerte er auf seinem Moped bereits halb Europa bereiste. Beim Besuch der Oper schmuggelt er ein Tonbandgerät in die heiligen Hallen und fertigt eine Aufnahme des Konzerts an – jedoch keineswegs für ökonomische Zwecke, sondern weil er dem unschuldigen ‘Geist der Verzückung’ erliegt. Da es Hawkins Stimme nicht auf Platte zu hören gibt (die Sängerin bevorzugt die unvermittelte Live-Performance vor Publikum) ist das Band pures Gold wert. Somit wird Jules zum Gejagten in vielerlei Hinsicht. Zwei Taiwanesischen Gangster haben es auf die Aufnahme abgesehen um sie als Schwarzkopie auf dem internationalen Musikmarkt publik zu machen. Und in einer verschachtelten Nebenhandlung liegt ihm ein mörderisches Verbrecherduo auf den Fersen, da er unbekannterweise im Besitz einer mysteriöse Audiokassette ist, die eine Prostituierte kurz vor ihrem Tode in seiner Tasche versteckte. Es beginnt eine aufregende Verfolgung und zwischen bootleggers und Menschenhändlern wird der unbescholtene Jules zu Wildfang. Im Finale dann die waghalsige Hetzjagd im Pariser Untergrund. Als einer der frühen Wegbereiter des Cinéma du look, feiert Beineix stilisierte Kompositionen ohne ein ostentativ ideologisches Moment – so scheint es ganz als stelle er die Form vor den Inhalt. Doch Beineix rührt an zahlreiche Fragen des spätmodernen Pop-Diskurses und somit lässt sich Diva ebenso als Persiflage auf die moderne Kulturindustrie lesen.

Zunächst kommt das problematische Verhältnis von Original und Kopie in der fünfminütigen Eingangssequenz zum tragen. Als Walter Benjamin 1936 den Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verfasste, bezeichnete er als Hauptaugenmerk der alten Werke ihre Einmaligkeit und ihren Kultwert im Hier und Jetzt, die Aura. Dagegen brachte die Kopie Wiederholbarkeit mit sich und zeitigte damit einen Paradigmenwechsel in der Kunstrezeption. Das Auratische, hier verkörpert durch die Diva selbst, macht den Zauber der Performance aus – ist sie doch einmalig und unwiederholbar im Moment verankert. Existierte eine Kopie, so wäre die Magie dahin. In Anbetracht der aktuellen Allgegenwart von streaming-Plattformen stellt der Themenkomplex um Raubkopien und filesharing ein Relikt der Vergangenheit dar, während Musiktauschbörsen wie napster & Co. aus dem Popdiskurs der Nullerjahre kaum wegzudenken waren.

Auch die obsessive Fankultur wird durchleuchtet. Jules Fetischisierung der Diva ist augenscheinlich: er stiehlt ihr Kleid, nimmt es an sich wie einen Totem, streichelt und umarmt es als steckte Cynthia selbst darin. Wie einen Talisman trägt er es bei sich, nur um es ihr im Verlauf das Films persönlich zurückzubringen. Heute dagegen ereignet sich Starkult meist in entmaterialisierterer Form – in den virtuellen Räumen sozialer Netzwerke.

Im Weiteren werden Hochkultur und Popkultur anhand ihrer Repräsentanten Oper und Soundtrack verhandelt.  Hawkins trägt die Arie Ebben, n’andrò lontana aus der Oper La Wally von Alfredo Catalani vor, ein Klassiker der italienischen Spätomantik. Der Rest des Films hingegen ist mit minimalistischen Klavier-Kompositionen Vladimir Cosmas und einem zeitgemäßem Soundtrack unterlegt. Auch ein indirekter Klassenkonflikt zeichnet sich hier ab, denn dass ein jugendlicher Postbote eine Liaison mit einer Grande Dame der Opernwelt beginnt, erscheint aus realistischer Sichtweise eher unglaubwürdig.

Diva ist durchzogen von ästhetizistischen Elementen und bleibt trotzdem kein reiner Augenschmaus. Statt einer rigiden Gesinnungsethik, herrscht  eine betörende Ungerührtheit, die man als apolitische Haltung lesen kann, aber nicht muss: ist es doch die Aussagekraft der Bilder und ihr Kontext die Beineix in seinem nüchternen Lob der Künstlichkeit stark macht.