REZENSION: TA NEHISI COATES “ZWISCHEN MIR UND DER WELT”

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Als der Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates im Juni 2014 den kontroversen Essay The Case for Reperations verfasste, war er beileibe kein Unbekannter, dennoch schied der Text die Geister. Die Forderung: Reperationszahlungen an die schwarze Bevölkerung als Wiedergutmachung für zweihundertfünfzig Jahre Sklaverei, neunzig Jahre Jim Crow Ära, sechzig Jahre der vermeintlichen Gleichheit und über dreißig Jahre diskriminierende Wohnpolitik, die bis in die Gegenwart reicht. Ein Affront gegen die amerikanische Öffentlichkeit; wähnte man sich doch im Glauben, dass mit Obamas Wahl und spätestens nach sieben Jahren black presidency ein postrassitisches Zeitalter angebrochen war.

Eine trügerische Illusion. Der fanatische, wie fatalistische Glaube an den Amerikanischen Traum spaltet das Land bis heute. 2014 war das Jahr von Michael Brown, Eric Garner und Tamir Rice – drei von über hundert unbewaffneten Schwarzen, Männern wie Frauen, Erwachsenen wie Kindern, die im vorangegangen Jahr durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Drei tiefe Wunden im ohnehin gezeichneten Kollektivgedächtnis der Afroamerikaner.
Between the World and Me nimmt Bezug auf genau jenen Zeitgeist: die Frustration und Wut, die Hilflosigkeit der Menschen. Es ist eine autobiographischen Erzählung, die der schwärmerischen Welt der Idealisten den Spiegel vorhält. Coates verfasste sie in Form eines Briefes an seinen 15-jährigen Sohn, um den Heranwachsenden über die Gefahren aufzuklären, die das Leben eines schwarzen Mannes auf amerikanischen Boden birgt. Er verhandelt darin die Geschichte der USA neu und macht deutlich: den American Dream gibt es nicht ohne afroamerikanischen Inkubus, denn der Reichtum der Vereinigten Staaten wurde auf dem Rücken schwarzer Sklaven errichtet. Doch um white privilege, dreht es sich hier nur indirekt. Statt in identitätspolitische Konstrukte zu verfallen, analysiert Coates die materielle Wirklichkeit: es geht um schwarze Körper und das blanke Überleben. “Our world is physical” schreibt er und visualisiert den sinnlich greifbaren Impetus anhand einiger persönlicher Fotos die inmitten der 152 Seiten verstreut sind. Coates positioniert sich gegen die abstrakte Ideenwelt, gut gemeinter Intentionen und wirklichkeitsfremder Utopien – nicht aus kühlem Rationalismus, sondern um der Selbsttäuschung ein Ende zu bereiten. Der Traum ist ausgeträumt, nun ist es Zeit aufzuwachen.