ESSAY: ÜBER DEN TASTSINN

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Vor einigen Monaten habe ich eine rosane Seidenbluse erstanden. Ein Secondhand-Fund, zwar voluminös, gar unförmig, jedoch umso angenehmer zu tragen. Meist ziehe ich sie zu Hause an, wo ich die Bluse gepaart mit Leggins als Schlafanzugersatz zweckentfremde. Der fein gewebte Stoff, hauchzart und anfällig, wurde bereits mit Fettverschmutzung malträtiert und auch durch meinen Sohn auf die Probe gestellt – Sabberflecken inklusive. Und doch verleiht mir die Bluse, in diesen einfachsten Momenten des Alltags ein Gefühl von urplötzlicher Eleganz. Wie eine Zigarette im Mundwinkel fügt sie dieses gewisse Etwas hinzu: ein Fünkchen Opulenz im Trivialen.

Heute jedoch, geht der Trend in Richtung des Praktikablen. Moderne Kleidung wird aus Polyamiden, Nylon, Microfaser und Polyester gefertigt und ist entweder spottbillig (in Preis und Qualität) oder zwanghaft pragmatisch. Feine Stoffe dagegen erfüllen keinen unmittelbaren Zweck. Denn echtes ästhetisches Vergnügen ist unbekümmert eigennützig. Materialien wie Seide, Kaschmir, Fell, Samt, Leinen & Co. sind zeitlose Stoffe die Qualität und Komfor bieten, völlig unbeeindruckt von aktuellen Lifestyle und Modetrends. Sie vermitteln uns die Freude am direkten Kontakt und übersteigen damit nüchterne Kategorisierungen wie Funktionalität und Effizient. Weshalb eine kratzige Windbreaker tragen während Omas weicher Fuchspelz im Kleiderschrank verstaubt?

Das Spiel von berühren und berührt werden kommt im Tastsinn zum Tragen, damit ist er bei weitem der erotischste unserer fünf Sinne. Stofflichkeit wird darum allzu oft zum Politikum. Oft fragt man sich wer oder was es ist, das durch Boykott und Verzicht behütet werden soll: die Tiere oder die ohnehin schon etablierte Kollektiv-Anästhesie?  Einen Stoff abzutasten, seiner Form und Kontur zu folgen, die Textur auf den Fingerspitzen zu fühlen, ist ein über alle Maßen sensueller und intimer Akt. Haptik schließt eine Form von Genuss ein, der dieser Tage mehr abzuschrecken scheint als zu verlocken.

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